Das älteste Foto vom GLOBE

Brian Shaw

Brian Shaw (1955)

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Brian Shaw, geboren 1935 in Ramsgate (Kent), wurde im Frühjahr 1954 zum Gesundheits-Check in Chatham aufgerufen, um seine militärische Tauglichkeit prüfen zu lassen. Nach dem OK und kurzer Wartezeit erfuhr er, dass er in der Royal Artillery dienen würde. Zur Grundausbildung ging es zunächst für ca. 6 Wochen nach Oswestry an der walisischen Grenze. Danach folgten Fahrstunden und eine Ausbildung zum LKW-Fahrer an der Fahrschule in Kinmore Park in Rhyl (Wales).

Den Führerschein in der Tasche, versetzte man Brian nach London in die Woolwich-Kaserne, dem Verschiffungs-Center für das gesamte Britische Empire. Länger als normalerweise wartete Brian auf seine Verschiffung, denn ursprünglich sollte er einem Regiment in Hong Kong beitreten. Wegen Schwierigkeiten am Suez Kanal änderte man diese Pläne jedoch. Sein neues Regiment hieß nun „35th Light Ack Ack Regiment“ und „Search Light Regiment“ in Oldenburg.

Der Truppentransport brachte Brian zunächst für 4 Wochen nach Mönchengladbach, wo er zusammen mit anderen die Errichtung des „British Headquarter of the Rhine“ überwachen sollte.

Im Juni 1954 erreichte er dann sein Regiment in Oldenburg, dem er bis zum August 1955 in Oldenburg diente. Danach folgte die Versetzung des Regiments in die Rheindahlen-Kaserne in Delmenhorst bis zum März 1956, dem Ende seiner zweijährigen Wehrpflicht.

Brian war bei Ankunft in der Donnerschwee-Kaserne (Crerar Barracks) bei deren Anblick regelrecht begeistert. Von den englischen Kasernen war er Holzbaracken mit bis zu 34 Betten und einem kleinen Allesbrenner mitten im Schlafsaal gewöhnt; es waren ziemlich ärmliche Unterbringungsverhältnisse.

In Donnerschwee sah es damals schon fortschrittlicher aus. Solide gebaute Kasernen-gebäude mit Doppelglasfenstern, Zentralheizung und Vierbettzimmern machten das Soldatenleben im Vergleich zu England wesentlich angenehmer.

Als ausgebildeter Fahrer fuhr Brian anfangs für einige Wochen einen Army Champ, eine britische Jeep-Version, hergestellt vom Autobauer British Leyland in Birmingham mit einem Rolls Royce-Motor, leider aber kein sehr zuverlässiges Fahrzeug.

Durch eine Ausschreibung am schwarzen Brett wurde er auf einen Bürojob aufmerksam. Er erhielt den Posten als Supervisor für die German Service Organisation (GSO). Diese Organisation war ein Fahrdienst ausgeführt von deutschen Ex-Soldaten, die von der britischen Armee als Fahr- und Transportservice beschäftigt wurde. Die GSO hatte ihr eigenes Fahrzeugdepot in der Stadt. Auch die GSO-Fahrer wohnten außerhalb des Kasernengeländes. Jeden Morgen wurden die deutschen Fahrer zur Donnerschwee-Kaserne geschickt, um dort von Brian ihre Instruktionen für den Tagesablauf zu erhalten, d.h. welche Touren oder Transporte sie fahren sollten. Die Schwierigkeit hier war anfangs, dass Brian nicht ein Wort Deutsch sprach. Aber schnell lernte er die nötigen Ausdrücke, um sich bei den sehr entgegenkommenden Fahrern verständlich machen zu können. Während seiner Dienstzeit in Deutschland traf er viele Deutsche, mit denen er sich gut verstand und die ihn zu sich nach Hause einluden. Brian wurde aufgrund seiner leitenden Position befördert und übte diesen Job sehr gerne bis zu seiner Armeeentlassung 1956 aus.

Eine ähnlich wie die GSO operierende Organisation war die PO. Hier ging es um polnische Flüchtlinge, die ebenfalls für die britische Armee arbeiteten.

Von John gefragt, ob der Armee ein Krankenhaus zur Verfügung stand, erzählt Brian eine kleine Anekdote: Die britische Armee durfte bevorzugt das Oldenburger Krankenhaus für ihre Verletzten nutzen. Den Deutschen fehlte es an diversen technischen Geräten und an Röntgenapparaten. Die Briten stellten und installierten die fehlenden Geräte unter der Bedingung, dass ihnen das Krankenhaus vorrangig zur Verfügung stünde. Eine seiner ersten Autofahrten im Army Champ mit einem der GSO Fahrer machte Brian zum Krankenhaus, denn dort sollte ein entlassener Soldat abgeholt werden. Ebenfalls sollte man auf der Tour Vorräte einladen. Als sie am Krankenhaus ankamen, versuchte Brian dem GSO Fahrer klarzumachen, dass er anhalten und auf den Soldaten warten solle. Da aber weder der Deutsche Englisch noch Brian Deutsch sprach, klappte es mit der Kommunikation nicht so recht. Immer wieder wollte der Fahrer an- und weiterfahren. Weil nichts anderes half, legte sich Brian zu guter Letzt vor den Jeep, um ihn zu stoppen. Endlich fiel der Groschen: Die beiden Männer wurden von da an gute Freunde; sie amüsierten sich noch lange köstlich über diesen Vorfall. Brian besuchte ihn fortan mehrmals wöchentlich zuhause, wo sie einander Sprachunterricht gaben. Seine deutschen Sprachkenntnisse reichten bald zum Organisieren der Fahrdienstpläne und zum Ansagen der täglichen Aufgaben, wenn die 30–40 GSO Männer zum Dienst erschienen.

Auf dem Donnerschwee-Kasernengelände arbeiteten viele Deutsche, bei der NAAFI (Navy, Army & Air Force Institute) z.B. als Köche, Manager oder im Service. Die meisten Abende verbrachte Brian dort, denn das englische Essen (Fish & Chips, Egg & Chips) war ihm lieber als das Kantinenessen und kostete nicht viel. Des Weiteren gab es deutsche Schneider zum Ändern und Reparieren der Uniformen, eine Wäscherei und deutsche Putzkolonnen. Ob die vielen deutschen Beschäftigten ihren Job in der Kaserne nach der Übergabe an die Bundeswehr 1958 behalten durften, weiß Brian nicht, vermutet aber von nicht.

John und Brian sehen sich nun alte Fotos an. Foto 1 (Fig. 1/Originalinterview) zeigt Armeefahrzeuge in der Sektion MOT [wie TÜV], die täglich von Soldaten geputzt und gewartet wurden. Ebenfalls ist einer von zwei deutschen Bussen zu sehen, womit die britischen Familienangehörigen und manchmal auch Soldaten in die Innenstadt gefahren wurden. Ein beliebtes Einkaufsziel war das große NAAFI-Geschäft, wo die Briten viele heimische Artikel kaufen konnten. Die Familien der Soldaten wohnten in eigens für sie gebaute Unterkünfte (married pads) gleich außerhalb der Kaserne. Einige der Soldaten waren schon seit der Besetzung am Kriegsende in Deutschland und hatten sich für lange Zeit verpflichtet. Selbstverständlich hat die britische Armee ihre Familien nachgeholt.

Die Zusammensetzung der verschiedenen Regimente in der Donnerschwee-Kaserne sah folgendermaßen aus:

  • 44th Heavy Anti-Aircraft Artillery Regiment (44th Heavy Ack Ack)
  • 35th Light Anti-Aircraft Artillery Regiment (35th Light Ack Ack)
  • Search Light Regiment (das letzte “Search Light Regiment”)
  • Royal Artillery Band
  • REME (Royal Engineers: verantwortlich für den Fuhrpark und die Waffen)
  • Royal Signals (Funkzentrale im Churchill House, Oldenburg: verantwortlich für die Kommunikation der Artillerie)
  • Dental Service (Zahnarztpraxis im Churchill House, Oldenburg)
  • Royal Education Corps

Zu Foto 2 (Fig. 2/Originalinterview): zu sehen ist die Parade 1955 auf dem Exerzierplatz der Donnerschwee-Kaserne anlässlich der Inbetriebnahme der neuen, halbautomatischen Gewehre. Da die britische Armee weder Banner noch Abzeichen oder Flaggen trug, verstand man die Gewehre als Flagge, die man hier feierlich willkommen hieß.

Generell fanden häufig Paraden statt, u.a. auch in Begleitung der Royal Artillery Band. Das viele Exerzieren und Marschieren dienten der Disziplin, der Routine, dem makellosen Erscheinungsbild und dem Waffen Drill der Soldaten.

Nun befragt John Brian zur Freizeitgestaltung. Dieser erinnert sich an ein deutsches Theater in Oldenburg (Staatstheater vielleicht), was vielleicht zweimal jährlich für das gesamte britische Militär eine englische Aufführung auf die Bühne brachte, z.B. Norton Wayne. Ebenfalls wurden im Kino (vermutlich das Lichtspielhaus Schauburg am Osternburger Markt/heute Aktiv & Irma Supermarkt, stand bis 1955 unter britischer Kontrolle) englische Filme und Nachrichten ausgestrahlt, was für die Moral und die Heimatverbundenheit der Soldaten sehr wichtig war. Natürlich vermissten sie, gerade an Festtagen wie Weihnachten, ihre Familien und ihr zuhause. Von daher war das englische Entertainment, ob Film, Theater, Gesang oder Tanz, ein enormer Feel-Good-Faktor.

Ein Filmabend im Kino bestand aus einem Kurzfilm, den Pathe Nachrichten und einem Hauptfilm. Geraucht werden durfte in den deutschen Kinos nicht, ganz anders als in England. Das Verbot wurde von vielen Soldaten als harsch empfunden, zumal Zigaretten im NAAFI-Store sehr günstig waren (1 Shilling/heute 5 Pence für 20 Zigaretten). Erst Jahre später wurde das Rauchen in den englischen Kinos verboten.

Am Zahltag bekamen die Soldaten ihren Lohn in einer Art Militärwährung (BAFFS) ausgezahlt, die auf dem gesamten britischen Hoheitsgebiet (Kaserne, NAAFI, WVS, YMCA, Armeepost, etc.) Gültigkeit hatte. Die oft sehr abgenutzten BAFFS-Geldscheine gab es in Denominationen von 1 Penny, 3 Penny, 20 Penny, 50 Penny, 10 Shilling und 1 Pound Scheinen. Man konnte seinen Lohn allerdings auch teilweise in Deutsche Mark (1 engl. Pfund = 8 Deutsche Mark) ausbezahlt bekommen, um sich z.B. Souvenirs für die Heimat, eine Kamera oder einen Wirtshausbesuch zu gönnen.

Sportlich gesehen verbrachte man die Freizeit mit Fußball, Hockey, Rugby und anderen, den deutschen Gegenmannschaften bekannten Spielen. Im Winter, wenn manche Kanäle zugefroren waren, lieh man sich Schlittschuhe aus und gesellte sich zu den vielen Oldenburger Schlittschuhläufern. Aber auch in der Kaserne selbst war der Sport und das Fitness-Training ein wichtiger Bestandteil des Soldatenalltags, denn fit zu sein war das  A und O in der britischen Armee.

Brian besuchte in seiner Freizeit außer den NAAFI-Stores auch gerne das YMCA (Young Men’s Christian Association), den WRVS (Women’s Royal Voluntary Service), wo man abends Snooker und Tischtennis spielen konnte, oder den Church Army Club.

Das Radio spielte ebenfalls eine große Rolle. Die Soldaten hörten gerne den Sender AFN (American Forces Network in Bremerhaven). Der Radioempfang war sehr gut. Außer Country & Western spielte der Sender Jazz und Big Band Musik, z.B. Ted Heath und Ken Macintosh. Beim Sender BFN (British Forces Network) war der Empfang schlecht, daher wurde AFN bevorzugt.

Erst vor ca. sechs Jahren hat Brian versucht, Kontakt zu alten Donnerschwee-Kameraden aufzunehmen. Gefunden hat er Michael McKeown, nach dessen Armeedienst ein hochrangiger Angestellter der Royal British Legion, der aber mittlerweile verstorben ist.

Auch Kameraden aus Birmingham, Shoreham, Wales und Kanada hat er noch ausfindig machen können. Mit manchen von ihnen trifft er sich hin und wieder.

Zur Frage, was er von der geplanten Sanierung des GLOBE Theaters in Oldenburg hält, meint Brian: „I am overjoyed!“ Er kann kaum glauben, dass zur heutigen Zeit noch ein Interesse an einem Wiederaufleben der alten Formen des Entertainments besteht.

Auch ist er begeistert von dem Projekt „Quartier Neu-Donnerschwee“. Die neue Nutzung der alten Kaserne als Wohnraum für so viele Menschen gefällt ihm. Zu viel Altes ist Bulldozern bereits zum Opfer gefallen!

In einem Extrateil des Interviews (Teil 2) berichtet Brian spezifisch von seinen Erinnerungen an das GLOBE, damals noch nicht auf dem Gelände der Donnerschwee-Kaserne, sondern das von den Briten kontrollierte und zum GLOBE umbenannte Lichtspielhaus „Schauburg“ am Osternburger Markt (heute Aktiv & Irma Supermarkt).

Das GLOBE-Kino in Osternburg hatte damals für die Soldaten eine große Bedeutung, denn das Fernsehen war erst im Kommen und das Kino war ihre einzige Form des Entertainments.

Ein großer Nachteil war allerdings der weite Weg dorthin. Zu Fuß ging es durch die ganze Oldenburger Innenstadt über einen Bahnübergang Richtung Küstenkanal. Wenn die Schranken nicht gerade geschlossen waren und sie gut vorwärts kamen, war mit Sicherheit die Cäcilienbrücke hochgefahren, um die vielen Boote durchzulassen. Jedenfalls war es ein langer Weg fast von einem Ende zum anderen Ende der Stadt und im kalten Winter besonders beschwerlich.

Daher versteht Brian gut, warum man sich zu dem Bau eines neuen GLOBE-Kinos (Eröffnung 1955) auf dem Donnerschwee-Kasernengelände entschlossen hat.

Es gab zwar eine Busverbindung von der Kaserne in die Stadt, aber meistens passten die Abfahrtzeiten nicht zu den Vorstellungszeiten im Kino. Es war nicht immer leicht, die Vorstellung pünktlich zu erreichen.

Die Eintrittskarten kauften sich die Soldaten von ihrer Armeewährung „BAFFS“, die sie einmal wöchentlich bei einer besonderen Parade als Bezahlung erhielten. Brian Shaw spricht von einer „wage parade“ (Dt: Sold-Parade). Während dieser Parade erhielten die Soldaten ihren wöchentlichen Sold von der britischen Armee. Die BAFFS (von 1-Penny bis 1-Pfund Scheine) waren das Bezahlmittel in der Kaserne und in allen britischen Geschäften, Institutionen und im GLOBE. Man konnte sich den Sold auch (teilweise) in Deutsche Mark auszahlen lassen, was aber nur selten der Fall war. Am liebsten gab Brian sein Geld bei der NAAFI (Navy, Army & Air Force Institute) für englisches Essen, Bier, Zigaretten, Körperpflegeprodukte, usw. aus.

An einem Kinoabend wurde zuerst ein Kurzfilm, dann die Pathe-Nachrichten und danach der Hauptfilm gezeigt, alles in englischer Sprache. Meistens lief ein Drama oder ähnliches. Die großen amerikanischen Musicals (z.B. Guys & Dolls) kamen erst ein oder zwei Jahre später in die Kinos. Das Filmangebot im GLOBE glich dem in England; es waren meistens neue Schwarz-Weiß-Filme.

Das Ausstrahlen der aktuellen Filme und Nachrichten in englischer Sprache war für die Moral der Soldaten enorm wichtig; schließlich waren viele von ihnen das erste Mal im Ausland, wo obendrein auch noch eine andere Sprache gesprochen wurde.

Interview vom 19. Januar 2019: Dr. John Goodyear
Übersetzung und Zusammenfassung: Ellen Couzins

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