Der englische Filmkritiker

Chris Lowe

Chris Lowe beim Editieren

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Christopher John Lowe, geboren 1937, besuchte die Schule in Newcastle-Under-Lyme in Staffordshire bis zum Juli 1956. Anschließend arbeitete er für ca. drei Wochen als Eisverkäufer für Walls Eiscreme, bis man dahinterkam, dass er wohl mehr Eis aß als verkaufte.

Danach folgte die Einberufung zum 75. Training Regiment, Royal Army Corp, Royal Armed Corps in Catterick, auch genannt Royal Scots Greys. In den fünf Wochen Grundausbildung besuchte er die School Cadet Force und stieg zum Unteroffizier auf. Man bot ihm ein Offizierstraining an, was er folglich absolvierte. Als Offiziersanwärter verbrachte er weitere zehn Wochen in Catterick, in denen man ihm das Panzerfahren und den Umgang mit Panzerradios beibrachte. Danach ging es für Chris nach Wiltshire zum War Office Selection Board, wo er ausgewählt wurde, ein Offizierstraining in Catterick zu durchlaufen. Eigentlich wollte er in der Infanterie dienen, befand sich aber bei der Panzerdivision. Nach einiger Recherche wurde ihm deutlich, dass er sich bei der Officer Cadet School in Eton Hall, Chester melden musste, um zur Infanterie versetzt zu werden.

Im Januar 1957 erhielt er den Rang als Officer Cadet, 16 Wochen später im April 1957 wurde er Second Lieutenant und in das North Staffordshire Regiment, 1. Bataillon versetzt.

Das Bataillon war gerade erst aus Hongkong zurückgekehrt und wartete auf der Militärbasis in Lichfield auf die Versetzung nach Deutschland. Als diese kam, ging es mit dem Zug nach Harwich, dann mit dem Schiff „Empire Parkston“ nach Hoek van Holland und zuletzt wiederum mit dem Zug nach Minden.

Das North Staffordshire Regiment (kurz: North Staffords) bezog Quartier in der Mindener Kaserne und trat der 11. Brigade der Fourth Infantry Division bei, die sich kurze Zeit später Fourth Division nannte. Als Infantry Officer führte Chris einen Zug von 40 Soldaten. Diesen Posten sollte er ursprünglich 18 Monate ausüben, wurde aber vorher vom Kommandierenden der Fourth Division, General Reggie Hewittson, aufgrund der Tatsache, dass er früher Redakteur der Schülerzeitung gewesen war, darauf angesprochen. Hewittson hatte ein besonderes „Baby“, nämlich seine Regimentszeitung „The Quadrant“. Sie hatte eine große Bedeutung für ihn. Durch die Zeitung sollten die Einheiten in der riesigen 20.000 Mann starken Division besser über Neuigkeiten und Wissenswertes in der Truppe informiert werden mit dem Ziel, ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei den doch sehr unterschiedlichen Männern in den verschiedenen Einheiten hervorzurufen. Die Militärs sollten u.a. durch die Veröffentlichung eigener Texte näher zusammenrücken. Dieser Gedanke gefiel Chris. Im Hauptquartier der Fourth Division im 30 Meilen entfernten Herford hatte er ein Bewerbungsgespräch mit dem Royal Army Education Corps Major namens Harry Oakes, der später Colonel Oakes wurde. Major Oakes war für den gesamten Bildungsbereich innerhalb der Division verantwortlich. Zudem war er der Chefredakteur der Militärzeitung „The Quadrant“. Chris wurde als dessen Assistent angenommen und zog Ende August 1957 nach Herford um.

Dr. John Goodyear fragt Chris nun, welche Erinnerungen in ihm beim Anblick alter “The Quadrant”-Ausgaben wach werden.

Chris entgegnet, dass es eine interessante Zeit war, schließlich hatte er außer der Schülerzeitung noch nie etwas geschrieben. Obendrein war er nicht nur fürs Schreiben verantwortlich, sondern auch für die Aufmachung der Zeitung, für die Qualität der Texte und für den Verkauf der Zeitung. Für einen gerade einmal 20-jährigen Second Lieutenant eine große Herausforderung. Harry Oakes, ein sehr guter Chef, stellte zwei weitere Militärs mit relevanten Vorkenntnissen und zwei deutsche Sekretärinnen ein. Gemeinsam bildeten sie das Quadrant Office und brachten die Zeitung fortan im regelmäßigen Abstand von zwei Wochen heraus.

Zu Johns Fragen nach dem Verbreitungsgebiet der Zeitung und dem Inhalt bezüglich des Entertainments für die Fourth Division, entgegnet Chris, dass 1957 eine große Reorganisation innerhalb der Britischen Armee stattfand. Viele Regimenter wurden zusammengelegt, der Pflichtwehrdienst wurde langsam abgeschafft. Aus diesem Grund gab es in der British Army on the Rhine (BAOR) immer weniger Standorte. Die größeren in Minden, Osnabrück, Detmold und Iserlohn blieben aber bestehen und gehörten zur Fourth Division. Die Zeitung „The Quadrant“ war in der gesamten, jetzt nur noch ca. 15.000 Mann starken Division erhältlich. Es gab in Deutschland noch eine weitere britische Division, genannt Two Division, mit einer eigenen Militärzeitung namens „The Keynotes“.

Das Thema Freizeitgestaltung war für Chris als Reporter und Redakteur besonders wichtig. Von den vielen Sportevents innerhalb der Armee berichtete er entweder selbst oder schickte seine Reporter dorthin. Das andere große Angebot neben dem Sport war das Kino. Jeder Standort der Britischen Armee hatte sein eigenes Globe-Kino. Das in Herford befand sich direkt außerhalb des Haupttores zum Hauptquartier der Fourth Division. In Minden mussten die North Staffords Soldaten allerdings für einen Globe-Besuch einen weiteren Weg zu einer anderen Kaserne zurücklegen.

Die Kinos waren fast immer ausverkauft, die Soldaten wertschätzten diese Ablenkung sehr. Die Filme liefen meistens eine Nacht. Nur sehr beliebte Filme wurden zwei Nächte (long run) gezeigt. Die Army Kinema Corporation (AKC), Betreiber der Globe-Kinos, verfügte also über eine Menge Filme, die innerhalb der Globe-Kinokette (knapp 30 Kinos) in der BAOR in Deutschland ausgetauscht wurden.

Chris erhielt als Redakteur von der AKC eine Übersicht der Filme des Folgemonats und reimte sich mit seinem Gunner (Dienstgrad) und seinem Vorgesetzten Harry Oakes zu jedem Film eine Vorbeurteilung zusammen, so, als hätten sie die Filme bereits gesehen, dabei kannten sie nicht einen davon. Wenn er sich diese Filmrezensionen heute durchliest, erblasst er beinahe über die damalige Unverfrorenheit und hofft, dass sich die Soldaten nicht „veräppelt“ gefühlt haben, zumal viele von ihnen sehr belesen waren und vielleicht nach dem Wehrdienst studieren wollten. Seine Filmkritiken waren aber eher für den durchschnittlich gebildeten „British Tommy“ verfasst. Es gab keine Beschwerden.

John und Chris sehen sich eine Filmliste der AKC von 1957 an. Darauf steht u.a. der Film „Die Brücke am Kwai“. Ja, den Film hat Chris im Globe in Herford gesehen. Beim Betrachten der Filmliste fällt ihm auf, dass jede Woche bestimmt ein Kriegsfilm im Globe gezeigt wurde, obwohl man sich als Besatzungsmacht in Westdeutschland befand und die deutsche Armee sich mittlerweile der britischen angeschlossen hatte und man gemeinsame Übungen machte. Chris hatte unter ihnen Freunde gefunden. Ganz schön ironisch und verblüffend!

Von John zum Thema Oper/Schauspiel befragt, gesteht Chris, dass er selbst ein großer Opern-Fan ist, der britische „Otto-Normalverbraucher“ damals aber wohl eher nicht. Während es in Deutschland schon in den 50er Jahren fast in jeder Großstadt ein Opernhaus gab, sah es in England außerhalb Londons schlecht damit aus. Er selbst habe u.a. Opernaufführungen in Hannover und Berlin besucht.

Theateraufführungen waren dagegen häufig eine interne Sache. Viele Regimenter gründeten eigene Schauspiel- und Musikgruppen. Die Musikbands spielten auf sehr hohem Niveau.

Es war Chris ein besonderes Anliegen, den Soldaten durch seine Zeitung „The Quadrant“ das Angebot an lokaler Musik und Oper außerhalb der Kasernenmauern näher zu bringen.

Man konnte nämlich als Soldat zwei Jahre lang in der britischen Armee in Deutschland dienen, ohne jemals das Kasernengelände zu verlassen und zu realisieren, dass man sich in einem anderen Land befand.

Nun folgt eine Frage von John zur Aufmachung und Ausstattung der Globe-Kinos.

Chris erinnert sich an das Kassenhäuschen zum Kartenverkauf (Box Office) in der Eingangshalle. Er schätzt die Anzahl der Plätze im Kinosaal auf ca. 200-300.

Auch im Kino gab es eine strenge Rangordnung bei der Sitzverteilung, man durfte nicht einfach sitzen, wo man wollte. In der ersten Reihe saßen die Generäle, in der zweiten die Obersten (Colonels) und Majore und in der dritten und vierten die Leutnants (Second Lieutenants). Auch die Feldwebel (Sergeants) saßen ziemlich weit vorne.

Chris meint sich zu erinnern, dass das Rauchen im Zuschauersaal bei Filmvorführungen verboten, jedoch bei live Auftritten (Sänger, Komiker, etc.) gestattet war.

Die AKC brachte damals ein blaues Kinoprogrammheft für die Soldaten heraus. In der Redaktion des „The Quadrant“ arbeitete man aber ausschließlich mit den Filmübersichten, die sie ca. einen Monat vor dem Anlaufen der Filme von der AKC erhielt.

Der Druck des „The Quadrant“ fand in einer deutschen Druckerei in Herford statt. Die Auflage betrug 1.500-2.000 Exemplare im zwei Wochen Takt. Um die Druckkosten decken zu können, kostete jedes Heft vier Pence. Die britische Regierung hatte an derlei Firlefanz kein Interesse. Deshalb kauften die Regimenter jeweils 100 Zeitungen und legten sie gratis in der Offiziersmesse (20 Stück), in der Unteroffiziersmesse (20 Stück) und im NAAFI (Navy, Army & Air Force Institute/60 Stück) aus. Die Kosten wurden aus dem Wohltätigkeitstopf der Regimenter bestritten.

Durch „The Quadrant“ waren die Soldaten immer gut über das Kinoprogramm informiert.

Die Filme der AKC waren alle Neuerscheinungen, die weltweit an den Standorten der Britischen Armee (z.B. Hongkong, Zypern) gezeigt und untereinander weitergeleitet wurden. Diese englischen Filme waren ein enormer Schub für die Moral der Militärs.

Chris spricht hier aus eigener Erfahrung. Wenn er nicht gerade mit Kameraden Snooker oder Karten in der Offiziersmesse spielte oder schottische Tänze übte, stand das Kino ganz oben auf der Liste des Unterhaltungsangebots. Manchmal sah er mit Freunden drei Filme in der Woche.

Am Ende des Interviews fragt John, was Chris von der geplanten Sanierung und späteren Wiedereröffnung des Globe-Theaters in Oldenburg hält.

Es rührt ihn, gibt Chris zu. Bilder des alten Globe-Kinos in Herford kommen ihm vor Augen. Wie sicherlich viele der damaligen britischen Soldaten bestätigen würden, hatten sie eine gute Zeit in der Armee. Selbst manche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg empfanden das so, denn der kameradschaftliche Zusammenhalt bleibt unvergesslich. Dazu trug auch der Kinobesuch mit Freunden und die anschließende Filmbesprechung bei.

„Diese Erinnerungen haben wir aus der Zeit mitgenommen. Das Projekt der Globe-Sanierung is absolutely wonderful. Für mich hat es einen Stellenwert wie das Brandenburger Tor, und das zurecht, denn es ist in den Köpfen von tausenden und abertausenden Soldaten verewigt!“ schwärmt Chris.

 

Interview vom 20. März 2019: Dr. John Goodyear
Übersetzung und Zusammenfassung: Ellen Couzins

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